Veröffentlicht von Gast am So., 8. Mai. 2022 17:40 Uhr

Die Erschaffung der Welt (Übersetzung: Basisbibel)

1, 1 Am Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. 2 Die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag über dem Urmeer. Über dem Wasser schwebte Gottes Geist. 3 Gott sprach: »Es soll Licht werden!« Und es wurde Licht. 4 Gott sah, dass das Licht gut war, und Gott trennte das Licht von der Finsternis. 5 Er nannte das Licht »Tag« und die Finsternis »Nacht«. Es wurde Abend und wieder Morgen – der erste Tag. 6 Gott sprach: »Ein Dach soll sich wölben mitten im Urmeer! Es soll das Wasser darunter von dem Wasser darüber trennen.« Und so geschah es. 7 Gott machte das Dach und trennte das Wasser unter dem Dach von dem Wasser über dem Dach. 8 Gott nannte das Dach »Himmel«. Es wurde Abend und wieder Morgen – der zweite Tag. 9 Gott sprach: »Das Wasser unter dem Himmel soll sich an einem Ort sammeln, damit das Land sichtbar wird!« Und so geschah es. 10 Gott nannte das Land »Erde« und das gesammelte Wasser »Meer«. Und Gott sah, dass es gut war. 11 Gott sprach: »Die Erde soll frisches Grün sprießen lassen und Pflanzen, die Samen tragen! Sie soll auch Bäume hervorbringen mit eigenen Früchten und Samen darin!« Und so geschah es. 12 Die Erde brachte frisches Grün hervor und Pflanzen, die Samen tragen. Sie ließ auch Bäume wachsen mit eigenen Früchten und Samen darin. Und Gott sah, dass es gut war. 13 Es wurde Abend und wieder Morgen – der dritte Tag. 14 Gott sprach: »Lichter sollen am Himmelsdach entstehen, um Tag und Nacht voneinander zu trennen! Sie sollen als Zeichen dienen, um die Feste, die Tage und Jahre zu bestimmen. 15 Als Leuchten sollen sie am Himmelsdach stehen und der Erde Licht geben.« Und so geschah es. 16 Gott machte zwei große Lichter. Das größere Licht sollte den Tag beherrschen und das kleinere die Nacht. Dazu kamen noch die Sterne. 17 Gott setzte sie an das Himmelsdach, um der Erde Licht zu geben. 18 Sie sollten am Tag und in der Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis trennen. Und Gott sah, dass es gut war. 19 Es wurde Abend und wieder Morgen – der vierte Tag. 20 Gott sprach: »Das Wasser soll von Lebewesen wimmeln, und Vögel sollen fliegen über der Erde und am Himmel!« 21 Gott schuf die großen Seeungeheuer und alle Arten von Lebewesen, von denen das Wasser wimmelt. Er schuf auch alle Arten von Vögeln. Und Gott sah, dass es gut war. 22 Gott segnete sie und sprach: »Seid fruchtbar, vermehrt euch und füllt das ganze Meer! Auch die Vögel sollen sich vermehren auf der Erde!« 23 Es wurde Abend und wieder Morgen – der fünfte Tag. 24 Gott sprach: »Die Erde soll Lebewesen aller Art hervorbringen: Vieh, Kriechtiere und wilde Tiere!« Und so geschah es. 25 Gott machte die wilden Tiere und das Vieh und alle Kriechtiere auf dem Boden. Er machte sie alle nach ihrer eigenen Art. Und Gott sah, dass es gut war. 26 Gott sprach: »Lasst uns Menschen machen – unser Ebenbild, uns gleich sollen sie sein! Sie sollen herrschen über die Fische im Meer und die Vögel am Himmel, über das Vieh und die ganze Erde, und über alle Kriechtiere auf dem Boden.« 27 Gott schuf den Menschen nach seinem Bild. Als Gottes Ebenbild schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie. 28 Gott segnete sie und sprach zu ihnen: »Seid fruchtbar und vermehrt euch! Bevölkert die Erde und nehmt sie in Besitz! Herrscht über die Fische im Meer und die Vögel am Himmel und über alle Tiere, die auf dem Boden kriechen!« 29 Gott sprach: »Als Nahrung gebe ich euch alle Pflanzen auf der Erde, die Samen hervorbringen – dazu alle Bäume mit Früchten und Samen darin. 30 Die grünen Pflanzen sollen Futter für die Tiere sein: für die Tiere auf der Erde, die Vögel am Himmel und alle Kriechtiere auf dem Boden.« Und so geschah es. 31 Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut. Es wurde Abend und wieder Morgen – der sechste Tag. 2 1 So wurden Himmel und Erde vollendet mit allem, was darin ist. 2 Am siebten Tag vollendete Gott sein Werk, das er gemacht hatte. An diesem Tag ruhte er aus von all seiner Arbeit, die er getan hatte. 3 Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn zu einem heiligen Tag. Denn an diesem Tag ruhte Gott aus von all seinen Werken, die er geschaffen und gemacht hatte. 4 Das ist die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde: So wurden sie geschaffen.


Liebe Gemeinde,
diese alte Erzählung über die Erschaffung der Welt und der Menschen im sechsten Jahrhundert vor Christus aufgeschrieben. In sie fließen die Vorstellungen der Menschen der damaligen Zeit ein, wie die Welt beschaffen war. In biblischer Zeit stellten sich die Völker die Welt wie eine Scheibe oder Muschel vor. Die obere Muschelschale bildet den Himmel, an dem die Sterne befestigt sind. Die untere Muschelschale das Meer, auf dem die gewissermaßen schwimmt. Rundherum das dunkle Chaos, in der Gott Ordnung und Struktur bringt, damit Tier und Mensch auf der Welt leben können. Die Erde war der Mittelpunkt der Welt. Und der Mensch als Ebenbild Gottes über den Tieren sozusagen als Krone der Schöpfung.

Das Wissen der Menschheit über die Beschaffenheit der Welt hat sich seitdem gewandelt und erweitert. Bereits die alten Griechen erkannten, dass die Erde eine Kugel ist und nicht den Mittelpunkt der Welt bildet. So vermutete zum Beispiel Aristarchos von Samos im 3. Jahrhundert vor Christus, dass sich die Erde als Planet in unserem Sonnensystem um die Sonne dreht. Und unsere Sonne ist ein Stern unter vielen in der Gemeinschaft der Milliarden Sonnen allein in unserer Galaxie, der Milchstraße, in einem noch viel größeren Universum voller Galaxien. Entdeckt und bewiesen wurde dies erst mit der Entwicklung der Naturwissenschaften und technischen Geräten wie Fernrohren und Teleskopen, mit denen wir unsere große Welt beobachten und vermessen können. Und auch die großen Zeiträume erfassen konnten, die Gott der Welt gegeben hat sich zu entwickeln, und in ihren evolutionären Prozessen das Leben auf unserem Planeten Erde hervorzubringen.

Unsere Welt hat nach heutigen Erkenntnissen ein Entwicklungsalter von etwa 14 Milliarden Jahren. Ein Zeitraum, den wir uns nicht wirklich vorstellen können. Aber nehmen wir einmal an, wir könnten einen Zeitstrahl unserer Welt in unser Kirche legen: Also vom Anfang der Welt am Eingang der Kirche bis hin zum Wandaltar heute. Und nun würden wir diesen Zeitstrahl entlang gehen. Vom Eingang bis in den Bereich vor der ersten Kirchbank vergehen etwa 9 Milliarden Jahre seit der Entstehung der Welt, bis sich Sonne und Erde entwickelten. Wir gehen nun weiter bis vor die Stufen des Wandaltares, weitere 4 Milliarden Jahre bis sich die ersten Kleinstlebewesen wie Bakterien entstanden. In den jüngsten 500 Millionen Jahre sind dann nacheinander unsere Pflanzen und Tiere entstanden, zuerst die Fische im Meer, dann die Vögel und Landtiere. Das spielt sich also im Bereich eines Meters beim Altar ab. Und erst in den letzten 1,5 Millionen Jahren schließlich entwickelt sich der Mensch. Das wären dann im Verhältnis die letzten 3 Millimeter vor der Wand. Ähnlich wie im Schöpfungsbericht stehen wir Menschen am Ende eines langen Entwicklungsprozesses und in einer kurzen Zeitspanne in der Weltenzeit. Und wir stellen die vorläufige Spitze dieser Entwicklung dar, in der Hinsicht, dass wir als Lebewesen mit dem am weitesten entwickelten Gehirn uns unserer selbst bewusst sind, und mit Hand und Verstand unser Leben gestalten und unser Kultur erschaffen können wie kein anderes Lebenswesen auf unserem Planeten Erde.

Mir selbst geht es dabei so, dass ich zuallererst Ehrfurcht empfinde, wenn ich davon höre, wie Gott das Leben erschafft und erhält und wie all die Gesetzmäßigkeiten und Ordnungen so ineinandergreifen, dass das Leben sich in solcher Vielfalt in Zeit und Raum entfalten kann. Ehrfurcht vor der Schöpfung Gottes in all ihrer Entwicklungsfähigkeit und all ihrem Wandel, und gleichzeitig auch bei aller Verletzlichkeit und Vergänglichkeit angesichts der Größenordnungen und Zeiträume in denen wir Menschen auf unserer Welteninsel der Erde auf unserer Lebensreise sind und versuchen als Ebenbild Gottes das Leben weiterzugeben. Ja wir können schon ins Staunen geraten darüber, dass wir überhaupt existieren, dass es Kräfte gibt, die das Leben erschaffen und Inseln des Lebens bilden gegen ein blindes und ungeordnetes Chaos. 

Das empfanden auch schon die Menschen in biblischer Zeit, als sie die Schöpfungsgeschichte hörten. Dabei sollten wir aus unseren heutigen Blickwinkeln mit all den Erkenntnissen der Naturwissenschaften und der Evolutionsforschung im Hinterkopf nicht denken, dass es sich bei der Schöpfungsgeschichte um einen historischen oder wissenschaftlichen Bericht über die Weltentstehung handelt. Dann würden wir ja schon über jenes Zeitschema stolpern, in dem Gott die Welt in sieben Tagen erschafft. Was nicht mit den heutigen Erkenntnissen zusammenpasst. Oder auch über die Reihenfolge, in der Gott die Dinge erschafft. So sind das Meer und die Pflanzen nicht vor Sonne und Mond entstanden, wie in der alten Schöpfungsgeschichte erzählt. Es ist in der Bibel auch eigentlich nicht von Prozessen der Evolution und Entwicklung die Rede. Gott erschafft die Welt eher wie ein Handwerker oder Töpfer, der die Welt und Lebewesen in einzelnen geordneten Arbeitsschritten baut und formt. Und dem das Zeitschema einer Arbeitswoche zugrunde liegt, an dessen Ende nach getaner Arbeit dann auch ein Ruhetag für den Arbeiter mit geschaffen wird. So dass Gott auch das Gleichgewicht von Arbeit und Ruhe mit im Auge hat, unsere Work-Life-Balance, was wir als Geschöpfe brauchen.

Hier wird also kein wissenschaftlicher Bericht abgegeben. Und die Schöpfungsgeschichte will auch nicht in Konkurrenz zu unseren modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen. So müssen wir jene Schöpfung-Tage auch nicht wortwörtlich als sieben Tage missverstehen, in denen die Welt entstanden ist. Sie spiegeln einfach 7-Tage-Wochen-Rhythmus des Kalenders, wie er schon in babylonischer Zeit gebräuchlich war. Und wollen uns sagen, dass Gott eben auch der Schöpfer all unserer zeitlichen Lebensordnungen ist. Es wird uns vielmehr in fast schon poetischer Form davon erzählt, worin die Welt, das Leben und die Lebenskultur der Menschen ihren Ursprung hat und worauf hin sie angelegt ist. Es geht nicht um die Erklärung von Mechanismen und Naturgesetzen. Es geht um den Sinn und die Stellung des Menschen und seines Lebens als Teil dieser Schöpfung. Und davon wird uns eben erzählt im Rahmen der Vorstellungen, die sich die Menschen von ihrer Welt in ihrer Zeit machten.

Die Welt ist grundsätzlich ein guter und geordneter Ort geschaffen zum Leben für die Menschen. Es gibt nur einen Gott und den zeichnet es aus, der Schöpfer aller Dinge und allen Lebens zu sein. Während die Babylonier und andere Völker damals noch glaubten, Sonne und Mond seien Götter, die es zu verehren gilt, so werden sie hier nur noch als Leuchten am Himmel genannt, nützlich, weil sie Licht am Tag und in der Nacht spenden, aber keine Gottheiten: Denn es gibt nur einen Gott. Und der ist sichtbar in seiner Schöpfung. Erkennbar als Schöpfer, als Erhalter und als Erneuerer aller Dinge und allen Lebens.

Und darum wird in der Schöpfungsgeschichte betont: Und Gott sah immer wieder alles an, was er gemacht hatte und sah, dass es gut war. Und am siebten Tag vollendete Gott sein Werk und ruhte aus von all seiner Arbeit. Und so segnete er den siebten Tag und erklärte ihn zum heiligen Tag. Den Sabbat für die Juden oder den Sonntag für uns Christen. Ein Tag der Ruhe zum Lobe Gottes. Denn es gehört eben zu den Rhythmen und zur Lebenskultur der Menschen, von der Arbeit auch ruhen zu dürfen. Keine Selbstverständlichkeit in Sklavenhaltergesellschaften damals oder im Kapitalismus heute. Und der Mensch ist geschaffen als Ebenbild Gottes, der sich von den Tieren unterscheidet und über sie herrschet. Ja der Mensch hat in dieser Schöpfung seinen Platz als Ebenbild Gottes, als Menschen untereinander gleich, als Mann und Frau, in gleicher Würde geschaffen und herrschend ausdrücklich über die Tiere, aber – auffälliger Weise hier nicht genannt - über den Menschen. 

So erzählt die Schöpfungsgeschichte davon wie der Mensch als Teil der Schöpfung das gute Leben finde und weitergebe. In einer Welt, die von Menschen durchaus auch nicht in der Weise bearbeitet und gepflegt wird, wie sie von Gott gedacht und geschaffen wurde. Entstanden ist diese Geschichte nämlich in der Zeit des babylonischen Exils im 6. Jahrhundert vor Christus, also als Teile des jüdischen Volkes nach einem verloren Krieg nach Babylon verschleppt und versklavt wurden und Zwangsarbeit leisten mussten, und den Sabbat nicht einhalten konnten. Unter solchen Lebensbedingungen von Krieg, Gewalt und Unfreiheit wird die Schöpfungsgeschichte zu einer Hoffnungsgeschichte, dass Gott unsere Welt erschafft und erhält und erneuert als eine, die gute Lebensordnungen für uns Menschen in sich trägt, für ein Leben in Würde und Freiheit. Der Mensch herrsche, ja, aber nicht über seine Mitmenschen, indem er sie beherrsche und unterdrücke, oder gar Kriege führe, um seine politischen Ziele zu erreichen. Sondern er herrsche über die Tiere. Denn er unterscheidet sich als vernunftbegabtes Wesen von den instinktgeleiteten Kreaturen, kann Landwirtschaft und Viehzucht betreiben, kann die Erde mit ihren Pflanzen und so manche Tiere zum Leben nutzen, über sie herrschen. Und solch ein Herrschen beinhaltet recht verstanden auch Sorge für sie tragen, und sie nicht zerstören, denn:

Der Mensch sei auch fruchtbar und vermehre sich, so wie es auch die Tiere tun. Das ist der Auftrag dem Leben einen Sinn zu geben: Es zu vermehren und zu erhalten und zu erneuern wie die ganze Schöpfung von Gott daraufhin angelegt ist, das Leben hervorzubringen, und selbst bei aller Vergänglichkeit und Tod doch wieder neues Leben zu schaffen und sich zu entwickelt. Und so geht es auch nicht um die reine Fortpflanzung. Zur Fruchtbarkeit und Vermehrung gehört auch die Entwicklung der Menschen zu solchen die Lebensgemeinschaften und ihre eigene Kultur schaffen, Lebenstechniken, etwa in der Landwirtschaft und Wohnart, in der Medizin, Kunst und Bildung. „Seid fruchtbar und mehret euch“, meint so auch, zu lernen, wie das Leben aufzubauen und zu entwickeln sei, was in Zusammenarbeit und Solidarität gelingt, statt mit Konkurrenz und Gewalt, Raub und Mord, und in Nachhaltigkeit zu wirtschaften und auf das Wohl der Kreaturen zu achten. Das war in biblischen Zeiten bei den knappen Ressourcen in Wüstenländern ebenso wichtig wie für uns heute, die wir in der Lage sind, das Leben im globalen Maßstab zum Guten zu entwickeln ebenso wie es für alle Zukunft zu zerstören.

Und wir hören in der Bibel ja auch schon früh in den ersten Kapiteln von den ersten Menschen, wie sie zu Gewalt und Mord fähig sind. Denken wir an die Söhne des Adam, unsere frühen Brüder sozusagen, als der eifersüchtige Kain seinen Bruder Abel erschlägt. Das ist von Anfang an auch eine Möglichkeit des vernunftbegabten Menschen. Er kann eben auch seine finsteren Pläne schmieden, so wie es kein Tier vermag.

Die Geschichte von der Schöpfung aber richtet den Sinn des denkenden Menschen auf einen Anfang, auf eine Entwicklung wie auf eine Erneuerung unserer Welt, in der es möglich ist das gute Leben zu vermehren und die gute Frucht einzubringen als Geschöpf und Ebenbild Gottes. Und jeder Mensch, jede und jeder von uns, ist dabei als Ebenbild Gottes wie eine eigene Welt leuchtend, die Gott gegen das Dunkel und das Chaos im Menschen geschaffen hat, damit er sein Licht in die Dunkelheit trage, das verletzliche Leben stärke und vermehre, die Schöpfung und ihre Geschöpfe bewahre. Und wenn wir uns vom Reichtum und der Vielfalt des Lebens begeistern und faszinieren lassen, dann werden wir auch immer wieder neu gestärkt und in unseren Welten die Früchte einbringen – in Ehrfurcht vor der Schöpfung, vor ihren Geschöpfen und vor unserem Schöpfer. 
Amen.  

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